Der Asphalt des alten Hafenbeckens flimmerte in der Julihitze, als Aurel die Luke seines mattschwarzen Wagens hochwuchtete. Keine zehn Meter entfernt knallte zeitgleich die pastellgelbe Seitenwand von Claras Truck auf. Zwischen ihnen lag nicht nur ein halbes Dutzend wackliger Bistrotische, sondern eine stumme Feindschaft, geschmiedet aus verbranntem Stolz und bürokratischer Willkür. Das Ordnungsamt hatte die Genehmigung für den besten Stellplatz der Stadt versehentlich doppelt vergeben. Die Lösung der Behörde: Teilen oder weichen. Weder Aurels holzfeuerbetriebener Smoker noch Claras feinsinnige Pâtisserie-Küche dachten ans Aufgeben.
Aurel war das Salz, Clara der Puderzucker. Er roch nach Hickory, Bourbon und grobem Pfeffer; sie nach Kardamom, gerösteten Mandeln und zarter Vanille. Wochenlang bestand ihr Austausch aus gezielten Seitenhieben. Wenn Aurel die Glut anblies und dichte Schwaden hinüberzogen, stellte Clara ostentativ Ventilatoren auf. Wenn sich ihre Kundenschlange vor seiner Markise staute, scheuchte er sie mit mürrischer Geste beiseite.
Doch die Enge des Raumes duldete keine Distanz. Wer vierzehn Stunden am Tag im selben Dunstkreis verbrachte, begann die Nuancen des anderen zu lesen. Aurel bemerkte, wie Claras Lächeln am späten Nachmittag brüchig wurde, wenn die Hitze des Zuckerbrenners sie erschöpfte. Clara sah die feinen Brandnarben auf seinen Unterarmen und den stillen Perfektionismus, mit dem er Fleisch faserte, das vierundzwanzig Stunden gegart worden war.
Die Wende kam an einem gewittrigen Dienstag im August. Ein plötzlicher Wolkenbruch verwandelte das Hafenbecken in ein brausendes Meer, die Sturmböen rissen an den Planen. Claras Hauptmarkise drohte unter den Wassermassen einzuknicken, ihr Kassenbelegsystem flog durch den Schlamm. Ehe sie begreifen konnte, stand Aurel im strömenden Regen. Mit bloßen Händen stemmte er das verbogene Metallrohr hoch, während das Wasser an seinen Schläfen herablief, und sicherte ihre Konstruktion mit massiven Spanngurten aus seinem Lager.
Als der Himmel aufklarte und die Dämmerung das nasse Pflaster in flüssiges Gold tauchte, stand Clara zögernd an seiner offenen Luke. Ihre Hände waren nass, ihr Blick zum ersten Mal unbewaffnet. Sie reichte ihm einen schlichten Pappteller: ein noch warmes Brioche, gefüllt mit Ziegenkäse, karamellisierten Feigen und frischem Rosmarin.
„Weil du aussiehst, als hättest du seit zwölf Stunden nichts als Holzkohle geschmeckt“, sagte sie leise.
Aurel musterte sie, wischte sich den Ruß von den Wangen und biss hinein. Die Süße brach die Herbe, der Käse schmolz in einer Perfektion, die ihm den Atem raubte. Er schwieg lange, dann griff er nach einem Stück warmem, geräuchertem Rinderbrustkern, das er mit Meersalz bestreute, und hielt es ihr hin. Sie nahm es von seinen Fingern. Ihre Blicke verhakten sich, intensiv und frei von jedem Spott.
„Zu rauchig?“, fragte er mit rauer Stimme.
„Viel zu rauchig“, flüsterte Clara, kaute langsam und schloss für einen Herzschlag die Augen. „Aber verdammt gut.“
In dieser Nacht schlossen sie die Wagen nicht wie gewohnt zur Geisterstunde. Auf den Stufen seines Wagens sitzend, teilten sie eine Flasche trockenen Rotwein, während der Wind über das Hafenbecken strich. Der Abstand zwischen ihren Schultern schrumpfte Zentimeter um Zentimeter, bis er nicht mehr existierte. Als Aurels raue Hand über ihren Handrücken strich, zog sie sich nicht zurück.
„Der Sommer ist bald vorbei“, sagte Clara in die Dunkelheit, ein leiser Zweifel im Ton.
Aurel wandte den Kopf, sah das Glänzen in ihren Augen und neigte sich vor. Sein Kuss schmeckte nach dem Kontrast, der sie den ganzen Sommer über gequält und doch am Leben gehalten hatte: Rauch und Rosmarin, Hitze und sanfte Hingabe.
„Wir haben zwei Küchen“, murmelte er an ihren Lippen, während seine Hand in ihr Haar glitt. „Es wäre eine Schande, ab September getrennt zu kochen.“
Clara lächelte, legte die Stirn an seine und wusste, dass der Herbst ihnen gehören würde.